_Adobe Kreativer der Woche: Interview mit Harald Woeste
Das "Adobe Kreativportal" hat Harald Woeste im September 2009 zum "Kreativen der Woche" gewählt. Das ausführliche Interview von Stephan Obermüller blickt auch hinter die Online-Fassade ...

"Kreativer der Woche - Harald Woeste - ist Fotograf, Designer, Ökonom, Buchautor und Panorama-Spezialist. Neben seiner Tätigkeit als Reisefotograf und VR-Spezialist ist er gefragter Referent und Autor:

Hallo Harald Woeste, wir freuen uns, Sie diese Woche als "Kreativer der Woche" vorstellen zu dürfen. Können Sie sich den Lesern von S2B bitte kurz vorstellen?
Gestatten, Harald Woeste, Ökonom, Designer, Fotograf, Autor, Verlierer unseres Bildungssystems ...

Das ist ja kurz und knackig ;-) ...

Am Rande des Bergischen Landes aufgewachsen, kam ich mit der Enge an unserer Provinzschule nicht zurecht und die Lehrer nicht mit mir (aber das habe ich erst viele Jahre später verstanden). Ich wurde ein zunehmend schlechter Schüler und habe mit Ach und Krach das Abitur geschafft. Dank Numerus Clausus war damit zunächst erstmal mein Traum vom Studium der Fotografie, ob design- oder technikorientiert, geplatzt. So reiste ich viel: denn Reisen bildet ;-)

Ich bin aber auch ein Gewinner (!) unseres Bildungssystems: Mit dem Schulabschluss besaß ich immerhin die grundsätzliche Zugangsberechtigung zu den Hochschulen und ich studierte gleich zweimal: Die Wuppertaler Uni machte mich zum Ökonomen und die Hochschule der Künste in Berlin (heute die Universität der Künste, UdK) einige Jahre später zum Designer. Beide Diplomnoten beginnen mit einer eins ... Schule hat wohl mit dem wahren Leben nichts zu tun.

Ökonomie und Design, wie geht das zusammen?
Das werde ich häufig gefragt. Und ich gebe zu, auf den ersten Blick liegt es nicht unbedingt nahe, hier eine Verbindung zu suchen. Ich verbinde beides im Informationsdesign. Das Studium der Ökonomie und später die wissenschaftliche Arbeit haben mich kritisches, analytisches und ganzheitliches Denken gelehrt. Mit dem Studium an der UdK lernte ich, abstraktes Wissen so zu hinterfragen und darzustellen, dass es für jeden nachvollziehbar und verständlich wird: Ich gestalte Informationen mit Bild, Grafik und/oder Text.

Am deutlichsten wird meine Art des Informationsdesigns in meinen Buchprojekten. Beispielsweise habe ich ein Konzept zur textlichen und grafischen Informationsvermittlung für ein Buch von E.U. v. Weizsäcker zur Privatisierung (hier hilft die Ökonomie !) entwickelt und umgesetzt. Diese äußerst komplexen Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen und zu visualisieren, war eine echt spannende Arbeit. Oder man betrachte mein Buch zur Panoramafotografie. Die Illustrationen lassen den Text teilweise schon überflüssig erscheinen ...

Wie sind Sie zur Panorama-Fotografie bekommen? Was war der Einstieg?
Der Einstieg in die professionelle Panorama-Fotografie war meine Diplomarbeit an der UdK zur Bildkommunikation mit Virtuellen Rundgängen. Je mehr ich in das Thema vordrang, desto klarer wurde zum einen, wie gut Panoramen zur Bildkommunikation geeignet sind und zum anderen, welch großes Interesse Fotografen an der Erstellung von Panoramen haben. Dieser für mich erst einmal überraschende Bedarf an Wissensvermittlung hat mich dazu inspiriert, für den dpunkt Verlag mein Buch zum Handwerk der digitalen Panoramafotografie zu schreiben:  Panoramafotografie Theorie und Praxis.

Worin liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit? Für welche Kunden (Bereiche) arbeiten Sie?
Für mich! Als Autor eines Fachbuches arbeitet man erstmal für sich selbst ;-) Ich muss zugeben, das mit den Büchern und der Wissensvermittlung macht schon eine Menge Spaß, so dass ich gerade über weitere Buchprojekte nachdenke. Aus der Buch-Veröffentlichung resultieren dann Beiträge für Zeitschriften und online-Medien, Vorträge z.B. auf der Photokina oder Lehrveranstaltungen an Universitäten/Kunsthochschulen ... Aber ich arbeite natürlich auch direkt für Andere!

Informationsdesign und Bildkommunikation fragen Auftraggeber nach, die beispielsweise für ein Buchprojekt oder eine Webseite eine gezielte Aufbereitung ihrer Informationen bzw. ihres Wissens per Bild, Grafik und/oder Text anstreben. Beispiele kann man sich auf meiner Webseite  ansehen.

Panorama-Auftragsfotografie mache ich zur Unternehmenspräsentation, Werbung, Dokumentation ... beispielsweise habe ich für die Max-Planck-Gesellschaft die große Einsteinaustellung dokumentiert.

Ich erwähnte ja schon: Reisen bildet ;-) Ich bin häufig in den afrikanischen Wüsten unterwegs gewesen und liebe auch sonst extreme Landschaften. Im Laufe der Zeit sind viele gute Bilder entstanden aber das ist eine andere Geschichte ...

Im Bereich der Reisefotografie arbeite ich mit mehreren Bildagenturen in Deutschland, Spanien und England zusammen und baue gerade Picade, eine kooperativ organisierte Bildagentur, in den USA mit auf.

Wie lässt sich der besondere Stil ihrer Arbeiten beschreiben? Was macht ihn aus?
Ich hinterfrage alles und das u.U. sogar mehrfach. Anspruchslosere Gemüter mag ich damit in den Wahnsinn treiben, aber ich kann einfach keine quick & dirty Lösungen leiden. Nur wenn ich einen Kunden und das Projekt verstehe, kann ich es zielgerichtet umsetzen und gute Arbeit abliefern. Anders würde ich nur im reißenden Strom derer mitschwimmen, die durch konzeptarmes Gerede und viele bunte Folien beeindrucken (wollen).

So kommt es, dass ich nur an Projekten arbeite, hinter denen ich stehe. Dementsprechend anspruchsvoll sind meine Ergebnisse. Im Panoramabereich beispielsweise liefere ich nur einwandfreie hochauflösende Qualität. Bilder mit krummen Horizontlinien, Fehlern beim Blending (z.B. Brüche in geraden Linien und Kanten), langweiligen Farben, fehlender Kompositionen oder gar ganz ohne Message verlassen meinen Rechner nicht.

Wenn heute der Auftrag käme, ein Panorama-Projekt auf dem Mont Blanc umzusetzen - was wäre auf jeden Fall an Material & Equipment  in Ihrem Gepäck, das Sie selbst auf den Gipfel tragen müssten?
Mir gefällt Ihre Einschränkung auf den Aspekt der Transportmöglichkeit. Ich bin zwar kein Bergsteiger, aber ich reise viel, und das häufig mit Rucksack. Das  bedeutet, ich trage meine Ausrüstung immer selbst ;-) Also, für ein "tragbares" Panorama-Projekt auf dem Mont Blanc würde ich in den Rucksack eine DSLR Kamera wie die Nikon D300 mit dem Nikkor 10.5mm Fischauge packen. Dazu eine sehr große Speicherkarte und eine Ersatzbatterie (es könnte ja noch weitere spannende Dinge zu fotografieren geben). Meine persönliche Anforderung wäre wie immer: das Panorama soll hochwertig werden und auch für einen großformatigen Druck taugen (aber kein Gigapixel-Panorama!). Zum Glück sind bei einer Landschaftsaufnahme die Anforderungen an die Einhaltung des No-Parallax-Points nicht zu hoch. Da es zudem genügend Tageslicht für relativ kurze Verschlusszeiten gibt, verzichte ich auf ein schweres und stabiles Stativ. Um dennoch mit Vorder- und Hintergrund im Bild spielen zu können (NPP!) wähle ich ein kleines Tischstativ (z.B. das 345 von  Manfrotto zusammen mit einer Ringhalterung für das Fisheye (z.B. den RingT von Agnos oder den Atome von 360precision. Die sehr kleine Q-Top Schnellkupplung wirkt dabei gleichzeitig als Drehteller. Auch wenn meine Knie noch keine Schwächeerscheinungen aufweisen, würde ich wahrscheinlich zusätzlich einen Wanderstock/Monopod mitnehmen, um die Kamera entweder in die Höhe oder über den Abhang zu bekommen ... Und wenn ich dann noch den Fernauslöser nicht vergessen und es wirklich nach oben geschafft habe, sollten damit einige spannende Panoramen gesichert sein.

Wie sieht ihr persönlicher Panorama Workflow aus - wie gehen Sie Ihre Projekte an?
Das ist eine schwierige Frage, denn Panoramafotografie ist sehr vielschichtig und kann alles umfassen: von einer schnellen Aufnahme aus der Hand, die einfach auf das breite Panoramaformat geschnitten wird, bis zum komplexen 360-Grad-Bild, das aus hunderten von Einzelaufnahmen mit verschiedensten Multi-Shot-Techniken montiert wird ... Bevor ich einen Auftrag fotografiere, versuche ich, mir das spätere gestitchte Panoramabild in seiner abgewickelten Form so genau wie möglich vorzustellen mit all den wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Problemen, und davon gibt es viele und immer wieder neue. Falls notwendig, mache ich vor Ort Probeaufnahmen, um den optimalen Standort, das Licht und die Positionierung von Objekten und Statisten zu ermitteln da setze ich mich schon mal selbst in Szene ;-) Da das rein fotografische Ergebnis oft meinen Wünschen nicht entspricht (bzw. gar nicht entsprechen kann!) spielen viele weitere Software-Tools wie  PTGUI und  Photomatix bei der Montage und letztlich intensives Photoshopping im Post-Processing eine wesentliche Rolle.

Neben kommerziellen Projekten sind Sie auch im Kunstbereich tätig. Beeinflussen Ihre freien Projekte Ihre kommerziellen Projekte?
Ich denke schon, dass sich Kunst und Kommerz gegenseitig beeinflussen, denn es findet ja beides in meinem Kopf statt und davon habe ich nur einen. So kommt es vor, dass ich bei Aufträgen Dinge sehe, die ich sonst nie sähe, und mir denke, damit könnte man doch auch ... und andersherum genauso. Dennoch gibt es eine klare Grenze: In meinen eigenen Projekten will ich meine Botschaft transportieren. Bei Auftragsarbeiten geht es um die Botschaft des Auftraggebers. Aber Ästhetik und Qualität müssen immer stimmen.

Gibt es ein persönliches Lieblingsprojekt (Foto), was ist das besondere daran?
Seit einigen Jahren arbeite ich an einem fotorealistischen Kunstprojekt, bei dem ich bevorzugt Schilder in der weiten Landschaft zeige. Hierbei ist nie klar, ob es sich um die einfache fotografische Darstellung der Realität handelt oder ob Hintergrund und Objekt zu einer (neuen) Realität montiert worden sind beides kommt vor. Hatten die Gegenstände in der Realität (vielleicht) noch einen Sinn, so überführen sie meine Bilder in ihrer (un-)gewollten Absurdität.

Mein Liebslingsfoto aus dieser Serie ist "No Fences". Wie ich es erstellt habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch zur Panoramafotografie. Im Schnitt "entsteht" so jedes Jahr ein neues Panorama. Im Jahr 2025 sollte ich dann genügend Bilder für eine Einzelausstellung zusammen haben ;-) Im Ernst: Ich bin gerade in Verhandlungen ...

Was ist Ihre persönliche Inspirations-Quelle für Kreativität?
Ganz ehrlich: Die besten Ideen kommen mir in der Badewanne bei einem Glas Rotwein ...

Haben Sie "den" Panorama-Tipp für unsere Leser?
Ich lege Wert auf Perfektion. Aber ein technisch bzw. handwerklich perfekt gemachtes Panorama ist nicht unbedingt ein gutes Bild. Ein Panorama, das ja durch den großen Bildwinkel sehr viele Informationen enthält, ist ohne Aussage langweilig. Und nur weil Panoramen heute "einfach" zu erstellen sind, sind sie nicht die Lösung für jedes visuelle Problem. Ich frage mich bei jeder Aufnahme: 1. Was will ich mit dem Bild aussagen? 2. Kann diese Aussage durch ein Panorama verstärkt werden? 3. Wie würde das Panorama später aussehen? Besonders abgewickelte 360-Grad-Panoramen bieten hier immer wieder (unangenehme) Überraschungen. Mein Tipp: Mut zeigen, die eigenen Ideen (oder die des Auftraggebers) zu verwerfen und kein Panorama zu erstellen, sondern die Aussage mit einer klassischen Aufnahme zu transportieren denn häufig ist weniger mehr.

Wir sagen vielen Dank für das ausführliche Gespräch und die vielen guten Tipps!"


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--- Das Interview im Orginal > adobe-kreativportal.de: Interview Harald Woeste